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Stellenabbau richtig begleiten: Wie Unternehmen die verbleibenden Mitarbeitenden stabilisieren

Alle reden über Stellenabbau und Werksschließungen. Aber die eigentliche Herausforderung liegt bei den Menschen, die bleiben. Ein Perspektivwechsel aus der Changemanagement-Praxis.

Alle reden über Stellenabbau und Werksschließungen. Aber die eigentliche Herausforderung liegt bei den Menschen, die bleiben. Ein Perspektivwechsel aus der Changemanagement-Praxis.

Stell dir vor, du bist Werkleiter. Seit 15 Jahren. Du kennst jede Maschine, jede Schicht, jedes Gesicht. Und morgen früh musst du deinem Team erklären, warum die Hälfte der Abteilung geht und die andere Hälfte ab nächstem Jahr eine völlig andere Arbeit macht.

Das ist gerade Realität in der deutschen Automobilindustrie. Der VDA hat im Mai 2026 bestätigt: Bis 2035 könnten 225.000 Arbeitsplätze wegfallen. Seit 2019 sind bereits 100.000 verschwunden. Aber die Zahl, die mich beschäftigt, ist eine andere: rund 475.000 Menschen bleiben. Und über die redet niemand.

Das ist die Transformation, über die keiner spricht. Nicht die auf dem Papier. Sondern die in den Köpfen.

Was diese Zahl mit einem einzelnen Menschen macht

225.000 ist eine Zahl. Ein Balken in einer Präsentation. Aber hinter jeder einzelnen steht ein Mensch, der morgens aufwacht und sich fragt: Bin ich der Nächste?

Und hinter den 475.000, die bleiben, steht dieselbe Frage. Nur dass sie keiner laut ausspricht.

Was in den Köpfen passiert, ist nicht nur Angst vor dem Jobverlust. Es ist etwas Tieferes: der Verlust von Identität. Wer 20 Jahre lang Verbrennungsmotoren entwickelt hat, ist nicht einfach eine Ingenieurin, die jetzt Software lernt. Sie ist jemand, deren gesamte fachliche Identität gerade infrage gestellt wird. Alles, worauf sie stolz war, scheint plötzlich wertlos.

Und der Meister in der Fertigung? Der weiß, dass seine Erfahrung in einem automatisierten Werk nicht mehr denselben Stellenwert hat. Aber er weiß auch: Wenn er das laut sagt, macht er sich angreifbar. Also schweigt er. Und dieser stille Rückzug passiert gerade massenhaft, ohne dass es jemand bemerkt.

Die gefährlichste Phase einer Transformation ist nicht der Moment, in dem Menschen gehen. Es ist der Moment, in dem sie bleiben, aber aufhören zu glauben, dass ihre Arbeit noch zählt.

Ich erlebe das in meinen Gesprächen immer wieder. In den anonymisierten Einzelgesprächen, die wir im Rahmen unserer Changeauftakte führen, kommt genau das zum Vorschein: Menschen, die funktionieren, aber innerlich längst abgeschaltet haben. Nicht weil sie faul sind. Sondern weil niemand mit ihnen über das gesprochen hat, was da gerade passiert.

Weißt du, was deine Leute gerade denken? Nicht was sie in Meetings sagen. Sondern was sie auf dem Heimweg denken. Denn genau dort fällt die Entscheidung, ob jemand bleibt und mitzieht oder ob er bleibt und innerlich geht.

Warum Unternehmen umbauen, ohne mit den Betroffenen zu reden

Jetzt könnte man sagen: Dann redet doch einfach mit euren Leuten. Aber so einfach ist es nicht. Und das zu verstehen, ist wichtig, bevor man urteilt.

Unternehmen sind Systeme. Und Systeme haben Muster. Eines der hartnäckigsten in deutschen Unternehmen: Veränderung wird von oben beschlossen und nach unten kommuniziert. Nicht aus Arroganz. Sondern weil es sich effizient anfühlt. Weil die Geschäftsleitung unter enormem Druck steht. Und weil es schneller geht, ein neues Organigramm zu zeichnen als 500 Einzelgespräche zu führen.

Das Problem ist nur: Ein Organigramm verändert keine Köpfe. Es verändert Kästchen auf einem Blatt Papier.

Was ich in meiner Arbeit immer wieder beobachte, ist ein Muster, das sich in fast jedem Transformationsprojekt wiederholt:

  • Die Führungsetage entscheidet schnell, weil der Marktdruck es verlangt. Oft unter Zeitdruck, oft mit unvollständigen Informationen.
  • Die Kommunikation geht per Mail oder Town Hall. Aber eine Town Hall ist keine Kommunikation. Es ist eine Ansage. Und Ansagen erzeugen Gehorsam, nicht Überzeugung.
  • Die Betroffenen schweigen, weil sie Angst haben. Wer in einer Phase des Stellenabbaus offen sagt, dass er die Veränderung nicht versteht, macht sich zum Ziel.
  • Die Führungskräfte in der Mitte sollen nach unten kommunizieren, was sie selbst nicht verstehen. Und nach oben berichten, dass alles läuft.

Transformation scheitert selten an der Strategie. Sie scheitert an den Gesprächen, die niemand führt. An den Fragen, die niemand stellt. Und an den Antworten, die niemand hören will.

Die Unternehmen, die jetzt mit ihren Leuten reden, bevor sie umbauen, werden in drei Jahren die sein, bei denen die besten Fachkräfte arbeiten wollen.

Der Wandel, über den niemand spricht

Wenn wir die Perspektive weiter aufziehen, zeigt sich etwas, das über die Automobilindustrie hinausgeht.

225.000 Jobs sind nur die sichtbare Spitze. Dahinter stehen Zulieferer, Dienstleister, Logistikunternehmen, ganze Regionen, deren wirtschaftliche Struktur an dieser Branche hängt. An jedem hochproduktiven Arbeitsplatz hängen Schätzungen zufolge weitere 8 bis 10 Jobs in Handel, Logistik und Dienstleistung.

Was das für Regionen wie Braunschweig-Wolfsburg bedeutet

Ich arbeite in einer Region, in der diese Zahlen keine Statistik sind. Sie sind Nachbarn, Kunden, Gesprächspartner.

Allein in Niedersachsen hängen rund 250.000 Arbeitsplätze direkt oder indirekt vom Automobilbau ab. 30 Prozent aller Industriearbeitsplätze im Land sind automobilabhängig. In der Region Braunschweig-Wolfsburg sind laut der Allianz für die Region rund 200.000 Beschäftigte aus der Mobilitätswirtschaft und angrenzenden Industrien von der Transformation betroffen. Über 700 Zulieferer sind allein in Niedersachsen ansässig.

VW hat Ende 2024 den Abbau von 35.000 Stellen bis 2030 vereinbart. 4.000 davon in der technischen Entwicklung in Wolfsburg. Die Zahl der Ausbildungsplätze wird ab 2026 von 1.400 auf 600 reduziert. Und das ist nur der OEM. Was das für die Hunderte von Zulieferern bedeutet, die an der VW-Wertschöpfungskette hängen, rechnet gerade noch niemand vor.

Ich führe in dieser Region Gespräche mit Menschen, die genau in dieser Situation stecken. Der Ingenieur bei einem Tier-2-Zulieferer in Gifhorn liest keine Transformationsstrategie. Er will wissen: Was wird aus meinem Job? Und hat jemand einen Plan für mich?

Aber die eigentliche Frage geht über die Region hinaus: Was passiert mit einer Gesellschaft, in der sich Hunderttausende gleichzeitig fragen, ob ihre Arbeit noch einen Wert hat?

Arbeit ist in Deutschland mehr als Einkommen. Arbeit ist Identität. Zugehörigkeit. Sinn. Wenn Hunderttausende gleichzeitig spüren, dass ihr bisheriger Beitrag nicht mehr gebraucht wird, ohne dass ihnen jemand einen neuen aufzeigt, entsteht etwas, das sich nicht in Statistiken messen lässt: ein kollektiver Vertrauensverlust. In den Arbeitgeber. In die eigene Zukunft. In die Institutionen, die das steuern sollen.

VDA-Präsidentin Hildegard Müller hat es selbst formuliert: Die schlechte Stimmung in Deutschland sei immer noch besser als die tatsächliche wirtschaftliche Lage. Wenn die Stimmung schlecht ist und die Lage noch schlechter, reicht es nicht mehr, über Strukturen zu reden. Dann muss man über Menschen reden.

Jede Veränderung beginnt im Inneren. Nicht im Organigramm. Nicht in der Strategie. Im Kopf eines Menschen, der verstehen muss, warum sich alles verändert und was das für ihn bedeutet.

Die Unternehmen, die das begreifen, werden 2035 stärker sein als heute. Nicht weil sie die bessere Technologie haben. Sondern weil ihre Leute den Wandel mittragen, statt ihm auszuweichen.

Was das für dich als Geschäftsführer bedeutet

Wenn du gerade ein Unternehmen führst, das von dieser Transformation betroffen ist, drei Fragen:

  • Weißt du, was deine Leute gerade wirklich denken? Nicht was sie in Meetings sagen, sondern was sie auf dem Heimweg beschäftigt?
  • Hast du mit den Schlüsselpersonen einzeln gesprochen, bevor du den Umbau kommuniziert hast?
  • Gibt es in deinem Unternehmen einen Raum, in dem Menschen ehrlich sagen können, dass sie Angst haben, ohne sich angreifbar zu machen?

Wenn die Antwort auf eine dieser Fragen Nein ist, dann weißt du, wo du anfangen kannst. Nicht morgen. Heute.

Denn die 475.000, die bleiben, beobachten gerade sehr genau, wie du mit dieser Situation umgehst. Und ihre Entscheidung fällt nicht in der nächsten Town Hall. Sie fällt heute Abend. Auf dem Heimweg.

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Der ursprüngliche Impuls.

Der LinkedIn-Post war der Auslöser. Der Blogbeitrag nimmt den Gedanken auf, ordnet ihn ein und macht daraus eine klarere Perspektive für Führung, HR und Veränderung.

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